Motorische und sensible Neurographie – Was wird untersucht?
Die Neurographie ist eine Untersuchung, mit der geprüft wird, ob Nerven elektrische Signale richtig weiterleiten können. Man unterscheidet dabei die motorische Neurographie, die vor allem die Steuerung der Muskeln prüft, und die sensible Neurographie, die misst, ob Nerven für das Gefühl (z. B. Berührung, Kälte) noch funktionieren.
Kurzer Blick in die Geschichte
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg konnten Ärzte erste Nervenmessungen durchführen. Während des Krieges erlitten viele Soldaten Nervenverletzungen durch Schüsse oder Splitter. Die Ärzte stellten fest: Manche Soldaten hatten einen sichtbar intakten Nerv, trotzdem war der Arm oder das Bein zunächst gelähmt oder taub. Ein kleiner Teil der Soldaten erholte sich schnell wieder (Grad 1: Neurapraxie). Bei den meisten dauerte die Heilung jedoch viel länger, obwohl der Nerv weiterhin sichtbar intakt war (Grad 2: Axonotmesis). Die genauen Ursachen dafür verstand man damals noch nicht so gut wie heute. Bei anderen war der Nerv dagegen komplett zerrissen oder durchtrennt (Grad 3: Neurotmesis). Hier war klar, warum der Soldat eine Lähmung oder Taubheit hatte.
Um diese Unterschiede besser zu erklären, entwickelte der britische Chirurg H. J. Seddon eine erste Einteilung, die später von Sunderland noch verfeinert wurde. Sie beruhte auf den Erfahrungen aus der Behandlung der Soldaten: Was die Ärzte bei Operationen mit bloßem Auge sahen – und was sie mit den damaligen elektrischen Messungen prüfen konnten – bildete die Grundlage für diese Einteilung. Heute kann man im Vergleich zu damals mit moderner Technik auch ohne Operation sehr genaue Bilder vom Körperinneren machen. Diese Bildgebung ist wichtig, weil die Einteilung auf dem Sehen (Bildgebung) und dem Messen (Nervenleituntersuchung) beruht – und erst beides zusammen ermöglicht eine sichere Beurteilung und Einteilung des Schweregrades.
Wann wird die Neurographie gemacht?
Die Untersuchung wird eingesetzt, um zu klären, ob ein Nerv geschädigt oder eingeengt ist. Sie wird häufig gemacht bei:
- Nervenengpässen wie Karpaltunnelsyndrom oder Sulcus-ulnaris-Syndrom
- Verletzungen nach Unfällen, Schnitten oder Quetschungen
- Entzündlichen Nervenerkrankungen oder Schäden durch Stoffwechselstörungen (z. B. bei Diabetes)
- Verlaufskontrollen, um zu sehen, ob ein Nerv heilt
Wichtig zu wissen: Nach einem Unfall wird oft bewusst 2–3 Wochen gewartet, bevor eine Neurographie gemacht wird. Grund: Manche Nervenschäden (z. B. eine Axonotmesis) zeigen sich erst mit etwas Verzögerung, weil der Nerv Zeit braucht, um den Schaden zu „zeigen“. So lässt sich der Schweregrad besser erkennen.
Wie läuft die Untersuchung ab?
Für die Messung werden kleine Oberflächenelektroden auf die Haut geklebt. Der Nerv wird mit kurzen, schwachen Stromimpulsen angeregt. An einem anderen Punkt oder am zugehörigen Muskel wird gemessen, wie schnell und stark das Signal ankommt.
Die Untersuchung ist ungefährlich. Manche spüren ein leichtes Kribbeln oder ein kurzes Muskelzucken – das kann unangenehm sein, ist aber in der Regel gut auszuhalten.
Beispiel für die motorische Untersuchung des Nervus medianus
Ein bestimmter Nerv – zum Beispiel der Medianus-Nerv, der durch den Arm bis in die Hand verläuft – wird kurz elektrisch stimuliert. Dies geschieht an gut zugänglichen Stellen schrittweise:
- am Handgelenk,
- in der Ellenbeuge,
- am inneren Oberarm.
Die Reaktion auf diesen Reiz wird mit kleinen Klebeelektroden auf der Haut aufgezeichnet. Dabei kann es zu einem leichten Zucken eines Muskels kommen – ganz normal und ungefährlich.
Was sagt die Untersuchung aus?
Die Neurographie zeigt, ob ein Nerv Reize normal weiterleitet. Dabei kann man erkennen, ob die Leitgeschwindigkeit verlangsamt ist (Nervenleitgeschwindigkeit) oder die Signalstärke abgeschwächt. Das hilft dabei zu unterscheiden, ob ein Nerv nur eingeengt ist oder stärker geschädigt wurde.
Grenzen der Neurographie
So wichtig die Untersuchung ist – sie hat klare Grenzen:
- Sie ist eine Funktionsprüfung, keine Bildaufnahme. Ob ein Nerv angerissen oder durchtrennt ist, lässt sich damit nicht sicher erkennen. Dafür braucht es meist zusätzlich Ultraschall oder MRT.
- Besonders bei der sensiblen Neurographie werden vor allem die A-Delta-Fasern gemessen, die schnelle Reize für die Berührung leiten. Schmerzfasern (C-Fasern) werden dabei nicht direkt geprüft – ob ein Nerv Schmerzen auslöst, sieht man hier also nicht.
- Sehr kleine Hautnerven, die sich in der Körperperipherie oft in viele feine Äste aufteilen, lassen sich mit der üblichen Technik nur schwer messen.
- Für die zentralen Nervenabschnitte (z. B. Rückenmark) wird die Neurographie nicht genutzt. Hier kann man mit speziellen SSEP-Messungen (somatosensorisch evozierte Potenziale) prüfen, ob Signale vom Arm oder Bein bis ins Gehirn weitergeleitet werden.
Fazit
Die Neurographie ist eine wertvolle Untersuchung, um zu prüfen, ob ein Nerv funktioniert. Sie ist sicher, schnell und liefert wichtige Hinweise – aber sie zeigt nur die Funktion, nicht das Aussehen des Nervs. Deshalb wird sie meist mit moderner Bildgebung kombiniert, um gemeinsam eine sichere Diagnose und eine passende Einschätzung des Schweregrades zu ermöglichen.



