Verletzung des Plexus brachialis – wenn Arm und Schulter nicht mehr richtig funktionieren
Der Plexus brachialis ist ein komplexes Nervengeflecht, das vom Rückenmark im Bereich der unteren Halswirbelsäule und des oberen Brustbereichs ausgeht. Von dort verzweigen sich die Nervenfasern in Richtung Schulter, Oberarm, Unterarm und Hand. Dieses Geflecht ist dafür zuständig, dass wir unsere Arme und Hände bewegen und dabei gleichzeitig spüren können, was wir berühren – sei es ein warmer Gegenstand, ein Schmerzreiz oder ein leichter Luftzug auf der Haut.
Was ist der Plexus brachialis?
Der Plexus brachialis entsteht aus mehreren Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark im Bereich der unteren Hals- und oberen Brustwirbelsäule austreten – typischerweise aus den Segmenten C5 bis Th1. Wichtig: Nur die vorderen Anteile dieser Nervenwurzeln (die sogenannten Vorderwurzeln) beteiligen sich am Aufbau des Plexus brachialis. Sie enthalten die Fasern, die für die Bewegung der Muskeln und das Gefühl in Arm und Hand zuständig sind.
Diese Nervenwurzeln vereinigen sich zunächst zu drei Primärsträngen, den sogenannten Trunci. Schon auf dieser Ebene zweigen erste kleinere Nerven ab, die Muskeln im Bereich der Schulter versorgen.
Anschließend teilt sich jeder dieser Stränge in einen vorderen und einen hinteren Anteil – die sogenannten Divisiones. Diese Trennung ist funktionell bedeutsam: Die vorderen Anteile steuern vor allem Beugemuskeln, die hinteren sind eher für die Streckmuskulatur zuständig.
Aus diesen Divisiones entstehen schließlich drei Sekundärstränge, die Faszikuli genannt werden. Sie bilden das letzte Sortiersystem, bevor die großen Nerven in den Arm abzweigen.
Aus den Faszikuli gehen die fünf Hauptnerven des Arms hervor:
- Nervus medianus – beteiligt an der Hand- und Fingerbewegung
- Nervus ulnaris – verläuft auf der Innenseite des Arms und ist ein wichtiger Nerv für die kleinen Handmuskeln
- Nervus radialis – versorgt vor allem Streckmuskeln der Hand und Finger und vermittelt das Gefühl von Teilen des Handrückens
- Nervus musculocutaneus – wichtig für das Beugen im Ellenbogengelenk
- Nervus axillaris – vor allem für die seitliche Abspreizbewegung des Armes im Schultergelenk verantwortlich
Diese Nerven ermöglichen es uns, die Arme zu bewegen, Dinge zu greifen und Berührungen oder Temperaturunterschiede wahrzunehmen.
Wie entstehen Verletzungen?
Verletzungen des Plexus brachialis können auf unterschiedliche Weise entstehen. Besonders gefährdet ist das Nervengeflecht bei starken Zug- oder Druckkräften auf Schulter und Arm. Häufige Ursachen sind:
- Unfälle, z. B. Motorradstürze, Fahrradunfälle oder Verkehrsunfälle, bei denen der Arm plötzlich nach oben, zur Seite oder nach hinten gezogen wird. In schweren Fällen – insbesondere bei Hochrasanzunfällen – kann es sogar zu einer Zerreißung oder einem Ausriss von Nervenwurzeln aus dem Rückenmark kommen
- Überdehnung einzelner Nervenanteile, etwa durch einen Sturz auf den abgewinkelten Arm oder durch Quetschungen im Schulterbereich
- Geburtstraumen, z. B. bei einer sogenannten Schulterdystokie
- Tumoren oder Entzündungen, die die Nerven verdrängen oder einengen
- Stromunfälle, bei denen elektrischer Strom direkt Nervengewebe schädigen kann
- Chemische Schädigung, z. B. durch Zement, Medikamente
- Strahlenbedingte Schädigung nach Tumorbehandlung
Je nach Art der Verletzung kann nur ein Teil des Plexus betroffen sein – oder das gesamte Nervengeflecht. Man unterscheidet daher:
- obere Plexusläsionen (z. B. C5–C6): meist mit Lähmung der Schulter- und Armmuskulatur
- untere Plexusläsionen (z. B. C8–Th1): häufig mit Ausfällen der Handmuskulatur
- globale Läsionen: mit Ausfällen im gesamten Arm
Welche Formen von Nervenschäden gibt es?
- Überdehnung: Nervenfasern werden stark gezogen, ohne vollständig zu reißen
- Zerreißung (Ruptur): Der Nerv reißt entlang seines Verlaufs
- Ausriss (Avulsion): Nervenwurzeln werden direkt aus dem Rückenmark herausgerissen
- Quetschung (Kompression): Druck durch Knochen, Hämatome oder Narben
- selten:
- Schnittverletzung
- Stromunfall
- Chemische Schädigung
- Strahlenschädigung
Typische Beschwerden
Die Symptome einer Plexus-brachialis-Verletzung können sehr unterschiedlich sein. Manche Patienten bemerken sofort eine vollständige Lähmung des Arms, andere spüren nur ein Kribbeln oder eine Schwäche.
Typische Beschwerden sind:
- Muskelschwäche oder Lähmung im Arm oder in der Hand
- Taubheitsgefühl, Kribbeln oder elektrische Missempfindungen
- Brennende oder stechende Nervenschmerzen
- Bewegungseinschränkungen in Schulter, Ellenbogen oder Hand
- Muskelabbau (Atrophie) bei längerem Ausfall
- Gefühl der Fremdheit: der Arm wird als schwer oder fremd empfunden
- Kältegefühl oder blasse Hautverfärbung bei gestörter Gefäßsteuerung
Verlaufsformen
Die Verlaufsformen sind höchst unterschiedlich. Der Begriff „Plexus brachialis Verletzung“ beschreibt keinen einzelnen Befund, sondern einen Überblick über sehr unterschiedliche Schädigungsmuster. Deshalb ist jede Verletzung individuell zu betrachten.
Die Beschwerden können direkt nach dem Ereignis auftreten oder sich verzögert entwickeln. Der weitere Verlauf hängt stark davon ab, wie stark die Nerven geschädigt sind. In manchen Fällen kommt es zu einer teilweisen Besserung. Sind die Nerven stärker betroffen, können dauerhafte Einschränkungen bestehen bleiben. Wie gut sich der Nerv erholen kann, ist je nach Schwere sehr unterschiedlich – eine genaue Untersuchung hilft bei der Prognoseeinschätzung.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Eine gründliche Untersuchung ist wichtig, um zu klären, welche Nervenanteile betroffen sind und wie schwer die Schädigung ist.
Klinische Untersuchung
- Beweglichkeit von Schulter, Ellenbogen und Handgelenk
- Unterscheidung zwischen gelenk-, muskel- oder nervenbedingten Bewegungseinschränkungen
- Muskelkraft, Gefühlsempfinden und Reflexe
- Durchblutung (Pulsstatus) und sichtbare Veränderungen (z. B. Narben)
Bildgebung
Hochauflösender Nervenultraschall
Der hochauflösende Nervenultraschall ermöglicht eine direkte, schmerzfreie Darstellung von Nervenstrukturen und ihrer Umgebung. Der Nerv kann entlang seines Verlaufs bis in die Hand auf mögliche Schäden untersucht werden. Vorhandenen Metallimplantaten an Knochen wie Platten, Nägeln oder Prothesen schränken in der Regel die Beurteilung des Nervens nicht ein.
Grenzen bestehen jedoch manchmal bei sehr tiefliegenden Abschnitten unterhalb des Schlüsselbeins. Ein Beurteilung der Nerven im Bereich des Neuroforamens und innerhalb der Wirbelsäule ist mit Ultraschall technisch bedingt nicht möglich. Daher empfiehlt sich bei Verdacht auf eine Schädigung des Plexus brachialis zusätzlich eine MR-Neurographie, die als Goldstandard für die Beurteilung des Plexus brachialis gilt.
Muskelultraschall – indirekte Beurteilung des Plexus brachialis
Neben der direkten Darstellung von Nerven bietet der Ultraschall auch wertvolle Hinweise auf deren Funktion – über die Beurteilung der Zielmuskulatur. Mit dem sogenannten Muskelsonographie lassen sich viele Muskelgruppen schnell, schmerzfrei und ohne Belastung untersuchen. Dabei können sowohl direkte Muskelschäden (wie Einblutungen oder Sehnenrisse) als auch typische Veränderungen nach einer gestörten Nervenversorgung erkannt werden.
Solche sogenannten Denervierungszeichen – etwa eine Strukturauflockerung oder eine Volumenminderung des Muskels – entwickeln sich meist im Verlauf und liefern wichtige Hinweise auf Ort und Ausmaß einer Nervenschädigung. Besonders bei Verletzungen des Plexus brachialis kann das charakteristische Muster der betroffenen Muskulatur Rückschlüsse auf die betroffenen Nervenanteile ermöglichen.
Der Muskelultraschall unterstützt somit die gezielte Auswahl geeigneter Muskeln für eine weiterführende elektrophysiologische Untersuchung (EMG) und trägt dazu bei, die Anzahl der notwendigen Untersuchungspunkte mit der Nadelelektrode zu reduzieren.
MR-Neurographie – Darstellung tief gelegener Nerven
Die MR-Neurographie erlaubt eine detaillierte Darstellung der Nervenbahnen im Körperinneren – vom Austritt der Nerven aus dem Rückenmark über die Nervenwurzeln bis in die Schulterregion. Mit speziellen Hochauflösungsprotokollen können dabei auch einzelne Nervenstrukturen sichtbar gemacht werden. Die Methode gilt als Goldstandard zur Beurteilung tief gelegener Nerven und ihrer Umgebung.
Besonders bei Verdacht auf eine Schädigung des Plexus brachialis oder auf Wurzelausrisse (z. B. nach einem Unfall) liefert die MR-Neurographie wertvolle diagnostische Hinweise, die mit anderen bildgebenden Verfahren nicht oder nur eingeschränkt möglich sind.
Einschränkungen bestehen bei der Darstellung in der Frühphase nach dem Trauma, etwa durch größere Einblutungen oder Hämatome. Auch Metallimplantate können die Bildqualität beeinträchtigen. Manche Veränderungen – wie etwa die Ausbildung eines Neuroms – entwickeln sich zudem erst mit der Zeit und sind in frühen Stadien eventuell noch nicht sichtbar.
Röntgen und CT – wichtige Ergänzung bei knöchernen Begleitverletzungen
Bei Verdacht auf knöcherne Begleitverletzungen – etwa Frakturen, Luxationen oder knöcherne Einengungen – sind Röntgen und Computertomographie (CT) wichtige bildgebende Verfahren. Sie ermöglichen eine präzise Beurteilung der Knochenstruktur und eventueller Implantate wie Schrauben, Platten oder Prothesen.
Diese Informationen sind nicht nur für die direkte Versorgung wichtig, sondern helfen auch, die Befunde aus dem Nervenultraschall und der MR-Neurographie besser einzuordnen. So lassen sich mechanische Ursachen einer Nervenschädigung – zum Beispiel durch eine knöcherne Einengung oder eine fehlverheilte Fraktur – gezielt erkennen.
Nervenfunktionsprüfung
ENG (Elektroneurographie)
Mit dieser Methode lässt sich beurteilen, wie gut elektrische Signale entlang eines Nervs weitergeleitet werden. Die Ergebnisse geben Hinweise darauf, ob ein Nerv stark oder nur leicht geschädigt ist.
Bei der Messung der sensiblen Nervenleitgeschwindigkeit kann ein erhaltenes Signal trotz fehlender motorischer Antwort ein Hinweis auf einen Wurzelausriss sein. Der Grund: Die sensiblen Nervenzellen liegen außerhalb des Rückenmarks und können auch bei einer abgerissenen Nervenwurzel noch reagieren. Dieses Muster gilt als wichtiges indirektes Zeichen für eine schwere Schädigung und wird im Zusammenspiel mit anderen Verfahren wie MR-Neurographie oder SSEPs beurteilt.
Wichtig zu wissen: Die Aussagekraft der ENG ist vor allem bei Schädigungen der unteren Plexusanteile gut – bei den oberen Plexusanteilen liefert sie dagegen nur eingeschränkt verwertbare Ergebnisse.
EMG (Elektromyographie)
Bei dieser Untersuchung wird die elektrische Aktivität einzelner Muskeln gemessen. Dabei werden gezielt verschiedene Muskelgruppen analysiert, die jeweils von unterschiedlichen Nerven versorgt werden. So lässt sich erkennen, welche Nerven betroffen sind und ob die Muskulatur noch Impulse erhält – oder ob ein vollständiger Funktionsausfall vorliegt. Die Elektromyographie ermöglicht somit einen Überblick über das funktionelle Schädigungsmuster im gesamten Arm.
Somatosensibel evozierte Potenziale (SSEPs) – Funktionsprüfung langer Nervenbahnen
SSEPs (somatosensibel evozierte Potenziale) sind ein neurophysiologisches Verfahren zur Überprüfung der Funktion sensibler Nervenbahnen – vom peripheren Nerv über das Rückenmark bis zur Großhirnrinde. Durch elektrische Reizung eines peripheren Nervs (z. B. des Nervus medianus oder ulnaris) werden Impulse ausgelöst, deren Fortleitung über verschiedene Messpunkte hinweg aufgezeichnet und analysiert wird.
Bei Verdacht auf eine Schädigung des Plexus brachialis können SSEPs helfen, die Lokalisation und das Ausmaß der Störung einzugrenzen. Besonders bei schweren Traumata oder unklaren Befundkonstellationen geben sie Hinweise darauf, ob die Reizweiterleitung bis ins Rückenmark intakt ist.
Was kann man tun?
Welche Behandlung bei einer Verletzung des Plexus brachialis sinnvoll ist, hängt davon ab, wie stark der Nerv geschädigt ist, welche Bereiche betroffen sind und ob noch eine Erholung möglich erscheint. Der Begriff Plexus-brachialis-Verletzung ist dabei nur ein grober Sammelbegriff – in der Praxis zeigt sich, dass die zugrunde liegenden Schädigungen sehr unterschiedlich ausfallen können.
Dank moderner bildgebender und neurophysiologischer Verfahren lässt sich heute meist genau feststellen, welche Nervenanteile betroffen sind, wie stark die Schädigung ist und ob eine spontane Erholung zu erwarten ist. Diese individuelle Analyse ist entscheidend für die Planung der weiteren Behandlung und die Auswahl geeigneter Maßnahmen.
Was medizinisch möglich ist – individuelle Therapie bei Plexus-brachialis-Schädigung
Welche Behandlung im Einzelfall in Frage kommt, hängt von Art und Ausmaß der Schädigung ab. Wichtig ist eine frühzeitige Vorstellung bei spezialisierten Fachärzten. Diese können die genaue Ursache einordnen und ein individuelles Therapiekonzept erstellen.
Je nach Befund kommen konservative Maßnahmen infrage – etwa gezielte Physiotherapie, Ergotherapie oder eine symptomatische Behandlung. In bestimmten Fällen kann auch zusätzlich ein operativer Eingriff sinnvoll sein, zum Beispiel eine mikrochirurgische Nervenrekonstruktion, eine Nervenverlagerung (Transposition) oder eine Neurolyse.
Wichtig zu wissen: Auch bei komplexen Schädigungen lassen sich durch gezielte Therapiemaßnahmen oft deutliche Verbesserungen erzielen. Ein „Abwarten ohne Hoffnung“ ist in vielen Fällen nicht gerechtfertigt – eine fundierte Diagnostik und individuelle Behandlungsplanung können entscheidend zum Heilungsverlauf beitragen..
Was Sie selbst tun können
Ein wichtiger Teil der Behandlung ist Ihre eigene aktive Mitarbeit. Gerade bei Nervenschädigungen spielt das Verständnis für die eigene Erkrankung und der konsequente Umgang damit eine zentrale Rolle für den Heilungsverlauf. Physiotherapie, Ergotherapie und gezielte Eigenübungen wirken dann am besten, wenn sie regelmäßig und konsequent durchgeführt werden – idealerweise zweimal täglich in kurzen Einheiten, eingebettet in den Alltag. Lieber häufiger und kürzer als selten und intensiv.
Von ärztlicher Seite zeigt sich immer wieder: Patientinnen und Patienten, die aktiv mitarbeiten, erzielen oft spürbare Fortschritte. Ebenso wichtig sind regelmäßige Kontrolltermine bei spezialisierten Fachärztinnen oder Fachärzten – um den Verlauf zu dokumentieren, den Therapieplan anzupassen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen rechtzeitig zu veranlassen.
Hinweis: Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Sie ersetzen nicht die persönliche Untersuchung, Beratung oder Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder andere qualifizierte Gesundheitsfachkräfte. Es werden keine Heilversprechen gegeben. Trotz sorgfältiger Prüfung kann keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität der Inhalte übernommen werden.











